Humor ist, wenn man trotzdem lacht – Eine Reise auf den Balkan

Prizren Kosovo

Eigentlich dachte ich ja, das Thema sei klar. Immerhin ist es der Balkan. Und dort als Journalistin knapp 4 Wochen unterwegs zu sein, heißt natürlich, zu dem Thema zu recherchieren, das unvermeidlich ist: Der Balkankrieg. Am Ende war das auch das Thema, nur ganz anders als gedacht.

 

 

Im Vorfeld der Reise ist mir mehr als einmal schlecht geworden. Wer also Lust hat, sich so richtig schön den Tag zu versauen, dem kann ich Dokus über den Krieg oder noch besser, die originalen Nachrichtenaufnahmen aus der Zeit wärmstens ans Herz legen. Denn damals lieferten sich europäische Nachrichtenagenturen und Medien buchstäblich einen Wettkampf, wer die spektakulärsten und schockierendsten Bilder in die Welt hinausschicken konnte.

 

Selbst die konkurrierenden Kriegsparteien setzen damals PR-Agenturen für sich und ihre Sache ein. Das ist kein Witz! Demnach weiß ich jetzt sehr genau, wie es aussieht, wenn jemand auf der Straße verblutet, wenn ein Schrapnell seine Beinschlagader angerissen hat. Falls es dazu gesagt werden muss: ich wünsche dir von Herzen, sowas nie wieder sehen zu müssen.

 

Der Versuch eines großserbischen Reiches

Sarajevo Altstadt

Altstadt in Sarajevo

Vielleicht sollte ich aber zuerst kurz versuchen, die Situation von damals zu entwirren. Auch wenn ich die Lage sehr vereinfacht darstelle. Nach dem Zerfall von Jugoslawien entwickelten sich einzelne Regionen zu unabhängigen Ländern oder versuchten es zumindest. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, zu beachten, dass dabei immer schon verschiedene Religionen involviert waren. Zwar wird letzteres oft als Grund für den Konflikt herangezogen, allerdings bin ich der Meinung, dass es damals ebensowenig um Glauben ging wie bei aktuellen Konflikten in der heutigen Zeit.

 

Es gab also verschiedene Länder, aber fokussieren wir uns hier speziell auf Serbien und Bosnien. Serbien war damals und ist es heute noch christlich-orthodox, Bosnien-Herzegowina ist muslimisch. Das heißt aber nicht, dass in Bosnien nur Bosniaken und in Serbien nur Serben gewohnt haben. Die komplette Region des Balkans ist auch heute noch völlig durchmischt, was den Überblick nicht einfacher macht.

 

Jedenfalls kam dann in den Neunzigern in Serbien eine Gruppe auf die Idee, unbedingt ein großserbisches Reich gründen zu müssen. (Ja, stimmt, eine ähnliche Idee hatte ein paar Jahrzehnte zuvor etwas weiter nordwestlich schon mal jemand – und auch die rassistische Grundlage ist hier dieselbe.) Mit dem Ergebnis, dass auf bosnischem Gebiet plötzlich Nachbarn aufeinander schossen, Menschen in Lagern interniert, muslimische Jungen und Männer zu Tausenden ermordet.

Das Massaker von Srebrenica

Gedenktafel Mostar

Gedenktafel Mostar

In diesem Zusammenhang muss der Fall von Srebrenica genannt werden. Im Jahr 1993 erklärte der UNO-Sicherheitsrat das Gebiet zu einer Schutzzone für die geflüchtete muslimische Bevölkerung, die sich dort in den Bergen und Wäldern verschanzt hatte. Niederländische Blauhelme hatten die Aufgabe, diese Menschen zu beschützen. Bis dann irgendwann die serbische Armee vor der Tür stand und die Herausgabe der Schutzbefohlenen forderte. In den darauffolgenden Tagen (ja, mehrere, sowas dauert ja auch seine Zeit) wurden 8.000 Bosniaken im Alter von 13 bis 78 Jahre ermordet und in Massengräbern verscharrt. Auch davon gibt es übrigens sehr explizite Live-Aufnahmen. Im Späteren wurden die Körper dann wieder ausgegraben, zerstückelt, um die Taten zu verschleiern und in Gräbern über das ganze Land verteilt. Mit dem Ergebnis, dass selbst heute noch – weil immer noch Massengräber gefunden werden – manche Familien maximal einen Knochen eines Familienangehörigen betrauern können. Wenn überhaupt.

 

Während die männliche Bevölkerung also schlicht beseitigt wurde, wurden Frauen in Vergewaltigungslagern über Wochen und Monate gefangen gehalten und missbraucht. Letzteres geschah auf der Basis von ‚ethnischen Säuberungen‘. Ein sperriger ebenso wie menschenverachtender Begriff genutzt als Propagandaformel im Jugoslawienkrieg, der 1992 zum Unwort des Jahres gekürt wurde. Es galt die Überlegung, dass diese Kinder, die damals keineswegs aus Liebe entstanden sind, zumindest genetisch halb Serben sein würden.

 

Diese Kinder sind heute in ihren Zwanzigern und gehören zu einer verlorenen Generation. Entweder wurden sie von den Müttern weggegeben oder wissen oft nichts von den Umständen ihrer Zeugung. Während die Mütter nicht die notwendige Zuneigung aufbringen konnten, weil sie durch einen Blick in das Gesicht ihres Kindes täglich damit konfrontiert werden, was ihnen angetan, aber nie geahndet wurde. Denn die Mehrheit der Kriegsverbrechen auf dem Balkan wurden nicht strafrechtlich verfolgt.

Wenig strafrechtliche Verfolgung

Nur wenige Drahtzieher standen in Den Haag vor Gericht. Die meisten jedoch sind entweder untergetaucht, hatten das Glück, vor einer gerechten Strafe tot umzufallen oder zeigten vor Gericht Reue, wurden wegen guter Führung frühzeitig entlassen und verbreiten aktuell weiter ungehindert ihre Propaganda in Serbien. Letzteres bezieht sich übrigens auf Biljena Plavsic, ehemalige Präsidentin des serbischen Teil Bosniens.

Ein traumatisiertes Volk?

Zerschossenes Wohnhaus in Mostar

Zerschossenes Wohnhaus in Mostar

Auch heute noch verleugnen zahlreiche Menschen in Serbien den Völkermord und die Verbrechen gegen die Menschlichkeit, was unter anderem vielleicht darin begründet ist, dass auf serbischem Boden tatsächlich nie Gefechte stattgefunden haben. Bereist man Serbien, ist vom Krieg nichts zu sehen, während Bosnien örtlich so aussieht, als herrsche nicht Frieden, sondern nur Feuerpause. Und so dachte ich, das wäre mein Thema. Die Wut und das Trauma eines geschändeten und unterdrückten Volkes, das unter schweren Verlusten Widerstand geleistet hat. Allerdings hat mich Bosnien eines Besseren belehrt. Weil dort das Leben gefeiert wird. Mit Essen, Reden und einfach Nichtstun.

 

Sarajevo, Bosniens Hauptstadt, wurde vier Jahre lang von den Serben belagert. Jeder, der sich nach draußen wagte, musste fürchten, von Scharfschützen erschossen zu werden. Noch heute sind in der Stadt der Sniper Tower und die Sniper Alley zu sehen. Wenn sich dort überhaupt jemand hinwagte, dann nur per Auto.

 

In vier Jahren wurden über 500.000 Menschen aller Altersgruppen verletzt, 18.888 Peronen getötet, über 10.000 Häuser zerstört und durchschnittlich 5 bis 15 Menschen durch Scharfschützen verletzt. An Spitzentagen schlugen 3.777 Granaten ein. An normalen Tagen waren es dann nur 329. Da konnte man sich dann zum Glück etwas ausruhen. (Sarkasmus: off) Zum Überleben gab es 159 Gramm Lebensmittel pro Nase. Wer sich das mal ausmalen möchte. Eine Packung Nudeln hat üblicherweise 500 Gramm. Ich muss wohl nicht noch mehr Zahlen aufzählen. Die Ausmaße dürften an dieser Stelle mittlerweile klar geworden sein.

 

Überleben mit Lebensfreude

Also, was macht man in so einer ausweglosen, dunklen, furchteinflößenden Situation? Man verfällt wahrscheinlich in Wahnsinn, Depression oder Verzweiflung. Oder alles zusammen. Oder man ist Bosniak. Dann veranstaltet man Miss-Wahlen und startet ein Film-Festival, das heute noch auf der ganzen Welt bekannt ist.

 

Ähnlich im Süden von Bosnien, in der UNESCO-Stadt Mostar. In der Stadt befindet sich ein Berg, der im Krieg von serbischen Soldaten benutzt wurde, um mit Sprengsätzen versehen LKW-Reifen in die Stadt zu rollen. Zielen ging damit schlecht, aber machte ja auch nichts. Hauptsache Tod und Zerstörung. Wird schon den Richtigen treffen. Nun wurde vor einer Weile ein Kreuz – also ein christliches Symbol – auf diesem Berg errichtet, was vor Ort als klare Provokation verstanden wird. Aber anstatt sich provozieren zu lassen, hinterließen die Bosniaken auf dem Berg gegenüber eine Botschaft aus weißen Steinen, die weithin sichtbar ist. BiH, volimo te. Eine Liebeserklärung. Um zu beweisen, dass ein Lächeln am Ende doch noch die beste Art ist, dem Gegner die Zähne zu zeigen.

 

Ich dachte, mir würden auf dem Balkan Depressionen, Frustration, Resignation und Aggression gegenüber der Welt begegnen, die so lange zugesehen hat. Alles Recht der Welt hätten sie dazu, meiner Meinung nach. Aber stattdessen begegneten mir Leichtigkeit, bitterböser, schwarzer Humor (genau mein Ding also) und Lebensfreude. Denn der Durchschnittsbosniak vertrödelt seine Zeit leidenschaftlich gerne sitzend bei Kaffee oder Bier, philosophierend über die Welt oder wahlweise auch ein Fußballspiel und bewegt sich dabei maximal, wenn er das Gewicht von einer Pobacke auf die andere verlagert. Schwerwiegende Probleme sehen in Bosnien folgendermaßen aus: Hast du Hunger? Hast du Durst? Nein? Okay! Alles andere klären wir später.

 

Den Balkan bereisen? Unbedingt!

Brücke in Mostar

Stari Most: Im Krieg umkämpft und heute Touristenmagnet

Deswegen kann ich jedem empfehlen, den Balkan zu besuchen. Montenegro wegen seiner atemberaubenden (ja, das Wort wird inflationär benutzt, aber in dem Fall stimmt es) Natur. Kosovo, weil der Konflikt dort immer noch nicht ausgestanden ist. Und Bosnien wegen seiner einzigartigen Lebensweise und seiner großartigen Menschen, die das Leben genießen und alles, was kommt, mit Humor nehmen. Weil Humor eben ist, wenn man trotzdem lacht. Und da kann die Welt noch einiges von Bosnien lernen.

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Sarah Tekath

Nach dem Studium war ich 2 Jahre in Prag, hab danach mein Volontariat in Hamburg gemacht, war anschließend in Spanien und bin jetzt seit 4 Jahren in Amsterdam. Seit knapp 1,5 Jahren bin ich selbständig und genieße die Freiheit von überall dort arbeiten zu können, wo sich eine WLAN-Verbindung befindet. Schreiben und Reisen sind meine Leidenschaft, umso besser, dass ich beides zu meinem Beruf machen konnte.

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