Hand auf’s Herz: Eine Reise nach Marokko

Marokko

Hitze, ein Wirbel aus Farben, Chaos. So würde das klingen, wenn ich Marokko knapp beschreiben müsste. Wer Ruhe und Entspannung sucht, der fährt besser woanders hin, aber bestimmt nicht nach Marrakesch, denn das Leben dort hat die Angewohnheit, Neuankömmlinge einfach mitzureißen, egal, ob man dafür schon bereit war oder nicht. Gespräche mit Händen und Füßen, Karies von den lokalen Süßigkeiten und Häusermauern, die in der Dunkelheit noch Wärme von der Sonne abgeben. Ein aufregender Ort, eine fremde Kultur, eine andere Lebensart, eine völlig neue Welt, kurz eine Reise, die Spuren hinterlassen hat. Im Herzen und im Kopf.

 

 

Marrakesh: Für all diejenigen, die dachten, auf den eigenen Orientierungssinn wäre Verlass

Zufrieden bin ich schon auf der Fahrt in die Stadt. Verschwitzt ja, auch erschöpft vom Flug, aber zufrieden. Denn die Sonne scheint und ich bin auf dem Weg, ein neues Land für mich erkunden zu können. Es ist warm, staubig, der Fahrer kann sich zwar leider nicht mit mir unterhalten, aber erfühlt scheinbar meinen Musikgeschmack und deutet milde lächelnd auf Kamele am Straßenrand, die sich kaum weniger für meine Ankunft interessieren könnten. Roller, auf denen vier Menschen gleichzeitig sitzen und Taxis, die so voll sind, dass die Türen halb offen stehen während der Fahrt. So merkwürdig es ist, aber ich fühle mich bereits willkommen, auf einer staubigen Landstraße mit flirrender Hitze über dem Asphalt.

 

Riad Utopia Marrakesch

Riad Utopia Marrakesch

Ich übernachte im wunderschönen Riad Utopia, verborgen in einem Gewirr von Gassen, auf dem Weg dorthin, muss ich mich sogar einmal durch einen schulterhohen Tunnel bücken. Die Mauern sind gigantisch, ebenso das massive Tor. Und dahinter, das Paradies. Wäre es nicht so einfallslos und kitschig, könnte hier eine Anspielung auf 1001 Nacht folgen, denn genauso sieht das Riad aus. Balkone, Säulengänge, ein Pool mitten im Haus, gigantische weiche Betten und von der Dachterrasse ein Blick über die Stadt. In der Mitte ist das Gebäude offen, Sonne, Licht und die Gerüche und Farben der quirligen Außenwelt strömen herein. Im Riad selbst herrschen perfekte Ruhe und Frieden. Zum Frühstück Minztee oder starker Kaffee, selbstgebackene Fladen und klebrig süße Marmelade. Wie gut es mir gelungen ist, den Tee auf marokkanische Art in mein Glas zu gießen, ohne einen Tropfen zu verschütten, kann sich wahrscheinlich jeder denken. Ich fühle mich behütet, beschützt und umsorgt, in dieser kleinen, ummauerten Welt aus weichen Kissen, sanft plätscherndem Wasser und zwitschernden Spatzen.

 

Die Kunst des Verlaufens

Die Stadt erst einmal so erkunden und schauen, was ich finde. So der Plan. Wer schon einmal in Marrakesch war, der weiß ohnehin, was jetzt kommt. Einen Stadtplan braucht es ja nicht, schließlich kriegt man bei der Geburt naturgemäß ein eingebautes Navi dazu. Soweit meine arrogante Überschätzung meines Orientierungssinns. Eben genannter hat nämlich bis etwa kurz nach der dritten Abzweigung gehalten und hat sich dann in eines der Teehäuser verabschiedet, um sich einen Minztee zu genehmigen. Und vermutlich hat er dabei gelacht.  Ich habe mich übrigens insgesamt nicht nur einmal verlaufen, sondern unzählige Male. Allerdings nicht, ohne dabei den souveränen Eindruck zu machen, als wäre es ganz genau meine Absicht gewesen, 35 Mal an demselben Gewürzstand vorbei zu laufen.

 

Souk Marrakesch

Eingang zu den Souks in Marrakesch

Zugegeben war es wohl auch nicht übermäßig gescheit, zwischen folgenden Strategien immer wieder willkürlich hin und her zu wechseln: auf eigene Faust losstürmen, sich kurzzeitig in geführte Gruppen einschmuggeln und sich von Einheimischen in eine (beliebige) Richtung schicken zu lassen. Nicht einmal anhand von hohen Minaretten oder der Sonne war eine Orientierung möglich, weil ich mir irgendwann in dem Souk durch die ganzen Unterführungen, verdeckten Gänge und Gewölbe vorkam wie in der Pariser U-Bahn.

 

Sehr sinnvoll daher an dieser Stelle auch der Tipp an alle Souk-Besucher: Wenn ihr etwas seht, das euch gefällt, kauft es sofort, denn ihr werdet es im Leben niemals mehr wiederfinden, wenn ihr danach nur einmal um eine Ecke gebogen seid.

 

Die Oase neben dem Jeema el Fna

Schließlich habe ich den Jeema el Fna aber doch noch gefunden. Tagsüber ist aber außer dressierten Affen, für Touristen tanzende Schlangen und erbarmungswürdig dünnen Pferden wenig zu sehen. Die Kutscher haben sich aus der unbarmherzigen Sonne entweder in den Schatten verzogen oder sind einfach gar nicht mehr zu sehen. Vermutlich sind sie alle im Park La Koutoubia, denn der ist wunderschön und praktischerweise auch gleich auf der anderen Straßenseite. Allerdings sollte hier darauf hingewiesen werden, dass es sich dabei um eine der Straße handelt, vor deren Überquerung man unbedingt eine Patientenverfügung ausgefüllt haben sollte. Tatsächlich findet sich aber eine nette Marokkanerin, die mich (eine erwachsene Frau, falls das in Zweifel stand) an die Hand nimmt und wie ein kleines Mädchen über die Straße führt.

 

La Koutoubia Marrakesch

Eine grüne Oase im Park La Koutoubia

Der mächtige Turm strahlt gegen den blauen Himmel an, Tauben fliegen im Kreis. Der Verkehr ist so laut, dass ich den Puls in meinen Ohren schlagen höre. Alle Schattenbänke sind besetzt und es sieht nicht so aus, als hätte jemand vor, sich in der nächsten Zeit zu bewegen. Grüne, sorgfältig gestutzte Hecken, vom Parkwächter mit Adleraugen bewachte Rasenflächen dazwischen, der schwere Duft von Oleander. Die Parkwache scheucht einen Schlafenden mit schrillem Pfiff von der Wiese, auf den Kieswegen breiten weißgekleidete Männer ihren Teppich auf dem Boden aus und verneigen sich über die Hauptstraße hinweg gen Mekka. Der besagte Wächter schlendert gemächlich an meiner Bank vorbei, lächelt freundlich und bietet mir Haschisch an. Danke, aber nein danke.

 

Gegenüber der Tombeaux Saadiens lasse ich mich ein wenig später auf einer Terrasse in einen Berg von Kissen fallen. Der Zucker zerfällt langsam aus meinen Fingern in den frisch aufgebrühten Tee, unter mir wirbelt das Leben über die Straße und Wasserdampf der Klimaanlage streichelt einen kühlenden feuchten Film über meine glühende Haut.

 

Reizüberflutung in der Nacht

Am Abend ist der Jeema el Fna nicht wiederzuerkennen. Ströme von Menschen, eine gesichtslose, pulsierende Masse im nicht zu beherrschenden Chaos von Gerüchen, Geräuschen und Düften. Ich erkenne kaum etwas, weil mir die Stadionfluter, die den Platz erhellen, in die Augen scheinen. Stand

Jeema el Fna Marrakesch

Jeema el Fna Marrakesch

quetscht sich an Stand, grelles Licht, Berge von buntem Plastikspielzeug, Henna für die Touristen, Berge von Essen, Schafsköpfe, darüber der beißende Rauch der Grills in einer riesigen, zerfasernden Wolke.

In die Menge gerissen werde ich von dem ersten, völlig überambitionierten Mann, der es sich zu Aufgabe gemacht hat, mich unbedingt auf den Holzbänken seines Standes zu platzieren. Und genau das Gleiche will auch der Nächste, und der Nächste, und der Nächste. Hey Shakira, smile for me. (Die Anspielung auf die südamerikanische Sängerin sollte übrigens auf dieser Reise noch sehr intensiv ausgereizt werden). Where are you going? Best food in Marrakech.

Am Ende der langen Ständereihen, durch die ich buchstäblich durchgereicht wurde, schwirren mir derart die Sinne, dass ich keine Ahnung habe, was es an den Ständen eigentlich zu essen gab. Schließlich gebe ich auf und gehe zum erstbesten Stand, weil es am Ende ja sowieso egal ist. Begrüßt werde ich mit Applaus von allen Seiten, danach wird es glücklicherweise ruhig um meine Person. Mein Banknachbar verzehrt einen Schafskopf. Als er meine Blicke sieht, erklärt er freundlich: Is good for strong man.

 

Medersa Ben Youseff: Kluge Geister der Jahrhunderte

Medersa Ben Yousseff Marrakesch

Medersa Ben Yousseff Marrakesch

Ich mache mich auf den Weg, noch einmal die Koranschule Ben Youseff zu suchen, da ich mit diesem Unterfangen bisher jämmerlich gescheitert bin. Der Besuch ist ein Muss, schließlich ist es das einzige islamische Gebäude, das man in der Stadt nicht nur von außen mit großen Augen bewundern darf. Ich gehe durch dunkle Gassen, über Kopfsteinpflaster, unter sanft beigen Torbögen hindurch. Es ist Freitag, der Muezzin ruft. Von zwei Seiten gleichzeitig. Der Schirm aus langen melancholisch klingenden Gesängen spannt sich über das Geflecht aus Gassen, während ich schwindelig wird von den Abgasen der zahllosen Mopeds, die an mir vorbeilärmen. Besonders erfolgreich war ich trotzdem nicht, denn die Koranschule hatte bereits geschlossen.

 

Ein neuer Versuch am nächsten Morgen: Gefühlt mitten in der Nacht aufstehen lohnt sich aber. In der Koranschule bin ich die erste und einzige Besucherin. Sofort erfüllt mich die Ruhe dieses Ortes, eine Atmosphäre von Gelassenheit und Wissen, sofort dringt der Geist der Jahrhunderte in mich ein. Hinter den dicken Mauern, in den sonnenbeschienenen Innenhöfen fühle ich mich sicher, als könnte nichts aus der Außenwelt mir etwas anhaben. Würde draußen auch das größte Chaos toben, meine Welt wäre behütet und in Ordnung.

 

Ourika-Tal: Von der Großstadt ins Gebirge 

Ourika Tal

Wandern im Ourika-Tal

Vorbei an Dromedar-Oasen fahre ich ins Ourika-Tal, auf der Suche nach einem Eindruck vom Atlasgebirge und vom Leben der Berber. Und was für einen Eindruck! Bunte Plastikstühle, vor einem Restaurant, das sich zwischen viele seinesgleichen kuschelt, stehen im Gebirgsfluss, darüber wehen bunte Wimpel und noch darüber erheben sich braune, grüne, in Dunst versunkene Gipfel. Die Sonne scheint mir in die Augen, außer meinem eigenen Atem ist nichts zu hören, unter mir das Tal mit seinem Trubel und über mir noch höhere Gipfel, die sich weder um Mensch noch Zeit scheren.

Ich setze mich auf einen Stein, halte mein Gesicht und tue nichts. Bin einfach ganz ruhig. Als ein Schatten auf mich fällt und eine Stimme mich etwas auf französisch fragt. Ich schirme meine Augen gegen die Sonne ab und blicke in das freundliche Gesicht einer jungen Frau. Sie wiederholt ihre Frage, merkt, dass ich sie nicht verstehe und baut sich dann „You okay, sister?“ zusammen. Ich nicke und sie geht zufrieden weiter. Interessant, wie man doch ohne viele Fragen und völlig vorurteilsfrei jemandes Schwester werden kann.

 

Ourika Tal

Mittagessen mit den Füßen im Fluss

Ein süßes Dorf, Schotter, Tierhälften in der Sonne, Fliegen, Schlepper, die ihre Dienste vehement anbieten und gleich zwei Sprachen, deren Zeichen ich nicht lesen kann. Mein bisheriges Highlight der Reise. Ich werde angestarrt, angesprochen, von Kindern verfolgt und in zahlreiche Geschäfte dirigiert. Das Leben hier ist ruhig und ursprünglich, ganz anders als die Hektik in Marrakesch. Am Fuß dieser gigantischen Berge laufen die Uhren anders, vor allem aber langsamer. Auf der Rückfahrt läuft im Radio, was sich anhört wie arabischer Reggaeton, während ich versuche, diesen besonderen Ort mental zu speichern.

 

Komprimiert und intensiv: Ein paar Tage Marokko

Ich habe Marokko mit allen Sinnen erleben dürfen, nicht nur vornehmlich mit dem Verstand.

 

Ich habe viel zu süßen Tee geschmeckt und habe mir daran die Zunge verbrannt, wurde von sanften Frauen mit traditionellem Schleier freundlich über den Arm gestreichelt und habe gespürt, wie mir in einem Gewirr aus Farben, Gerüchen und Straßenchaos kurzzeitig die Welt entglitt. Menschen legten die Hand aufs Herz, wenn sie mich begrüßten und waren so aufrichtig und herzlich, dass ich ihnen jedes Wort geglaubt habe. Arabisch drang laut und wenig melodisch an meine Ohren. Und obwohl ich fremd war, habe ich mich wohl gefühlt. Zwischen diesen Menschen, die sanft sind, aufrichtig herzlich, respektvoll und charmant.

 

Ich bin begeistert von dieser so ganz anderen Welt, wo man alte Geschichten hört, in Gassen ständig über Katzen stolpert und bei völliger Reizüberflutung von Farben, Gerüchen und aggressiven Verkaufsstrategien plötzlich Ruhe und Stille findet. In den Tiefen eines Riads, in einer Koranschule oder in dem Lächeln eines Menschen, das nicht nur den Mund bewegt, sondern auch die Augen erreicht und von Herz zu Herzen geht.

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