Wie würdet ihr denn bloß reisen, wenn es kein Instagram gäbe?

Selfie-Gruppe

Rückenansicht, weißer Sand oder wahlweise eine Schaukel im Meer und dazu langes Blondhaar, das in der tropischen Brise weht. Leuchtend blaue Türen, bunte Gewürze auf dem Basar und dazwischen eine (beliebig austauschbare) Dame im dafür durchaus aber strategisch ausgewähltem Sommerkleid. So sieht heute offenbar das Reisen aus.

 

Falls schon einmal jemand in Südostasien war, dann weiß er vermutlich, wie es dort so mit der Temperatur und der Luftfeuchtigkeit aussieht. Soll heißen, der Durchschnittseuropäer hat einen knallroten Kopf, ein verschwitztes Gesicht und die Haare stehen spröde in alle Richtungen ab. Nicht so auf Instagram. Da wird abgepudert,

Sonnenuntergang

Fehlt nur noch die Yoga-Pose

überschminkt und gefiltert, bis dann endlich eines der 37 ohnehin identischen Selfies so aussieht, wie man es gerne hätte. Nämlich so, wie es nicht war.

 

Insta Boyfriends: Zum Glück hat einer selbst bemerkt, wie absurd das ist

Im Sommer des letzten Jahres machte ein Foto vom Maya Bay in Thailand die Runde durch die sozialen Medien, das wunderbar zeigt, welchen intellektuellen Tiefstand die Sache mit den Influencern bereits erreicht hat. Denn Reddit User Lewi G fiel, als er gerade seine Liebste beim Posieren abgelichtet hatte, auf, dass sich da wohl kaum von einem kreativen Alleinstellungsmerkmal sprechen ließ.

 

Um ihn herum befanden sich nämlich Dame sitzend am Strand, Dame sitzend im seichten Wasser (mit farblich passendem Bikini) und Dame vor dem Sonnenuntergang in Rückenansicht mit Sonnenhut. Und dahinter dann jeweils die zugehörigen Typen mit der Kamera. Wenn er dann aber doch einmal Teil des Bildes sein darf, passt die Farbe der Badeshorts rein zufällig in die Farbpalette des Ozeangrüns.

I was stood taking a photo of my girlfriend in the sea, then realised so was every other Instagram boyfriend. from funny

Muss wohl recht ernüchternd gewesen sein, wenn man bisher glaubte, dass sich die Gezeiten, Sonne und Mond danach richten, was auf dem eigenen gut gepflegten und strategisch mit Farbkonzept designten (!) Instagram-Kanal passiert. Und dann plötzlich diese Einsicht, dass schlicht alle anderen Narzissten und Selbstdarsteller irgendwie das Gleiche dachten.

 

Der Anspruch an das Reisen und an sich selbst

Sicher gibt es unterschiedliche Motivationen für das Reisen und jeder darf gerne mit seiner Freizeit anstellen, was er will, aber ich dachte ja eigentlich, Reisen sei etwas, das vielleicht eine etwas längere Lebensdauer hat als ein Like auf Instagram. Aber vielleicht ist das ja auch ganz nützlich, weil sich die besagten Selfie-Macher den Ort dann wenigstens später online noch einmal ansehen können, weil sie vor Ort zu beschäftigt mit dem perfekten Winkel vom Duck Face waren.

 

Möglicherweise ist es aber auch einfach nichts für

Strand

Strand mit Rückenansicht – der Klassiker

jedermann, also, sich in dem jeweiligen Land tatsächlich mit Menschen und Kultur zu beschäftigen, weil Gespräche, Besuche der kulturellen Stätten (und bestimmt nicht, um sich selbst in Yogi-Pose auf dem Altar zu fotografieren) oder Audio Guides ja gegebenenfalls dazu führen könnten, dass man ein kleines bisschen schlauer als vorher von der Reise zurückkommt. Und dann möglicherweise einsieht, dass man irgendwie doch nicht der Nabel der Welt ist, für den man sich eingangs gehalten hatte. Allerdings lässt sich diese philosophische Selbsterkenntnis auch nur schlecht im Selfie darstellen. Dann vielleicht doch lieber wieder zurück zu altbewährten Mustern.

 

Reisen geht auch ohne Instagram

Ich habe kein Instagram und wenn ich auf Reisen Fotos mache, dann bin ich selbst so gut wie nie zu sehen, weil ich selbst den Auslöser der Spiegelreflex drücke. Was wahrscheinlich auch besser ist, denn im Gegensatz zu den Insta-Damen sehe ich (proportional zur Länge der Reise) auch nicht mehr vorzeigbar aus. Weil ich meine Tage bis zum Bersten vollpacke mit Besuchen, Besichtigungen, Touren und Erlebnissen, dass ich irgendwann gar nicht mehr weiß, wo mir der Kopf steht. Und so sehe ich dann auch entsprechend aus. Und wisst ihr was: Es ist mir völlig egal! Weil ich mir einbilde, dass es dabei um etwas Wichtigeres geht als um mich selbst.

 

 

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Sarah Tekath

Nach dem Studium war ich 2 Jahre in Prag, hab danach mein Volontariat in Hamburg gemacht, war anschließend in Spanien und bin jetzt seit 4 Jahren in Amsterdam. Seit knapp 1,5 Jahren bin ich selbständig und genieße die Freiheit von überall dort arbeiten zu können, wo sich eine WLAN-Verbindung befindet. Schreiben und Reisen sind meine Leidenschaft, umso besser, dass ich beides zu meinem Beruf machen konnte.

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