Ein Jahr lang getestet: Warum Couchsurfing gar nicht so toll ist

„Couchsurfing hat mir die Möglichkeit gegeben, sehr wertvolle und schöne Erfahrungen zu machen. Es hat meine Reise mit Geschichten, Menschen und Freunden gefüllt.“ So lautet eines der Statements auf der Startseite von Couchsurfing, das Menschen dazu animieren soll, ein Mitglied der Community zu werden. In meinem Fall hat das Versprechen, meinen Horizont durch Menschen und Geschichten aus aller Welt erweitern zu können, augenscheinlich gewirkt, denn im November 2017 habe ich mein dortiges Profil wiederbelebt, das ich zwar 2009 erstellt, aber nie benutzt habe. Nach einem Jahr bin ich mir nun aber sicher: ich werde Couchsurfing nicht mehr benutzen.

 

Denn leider hat sich die Community für mich als Ansammlung von Personen herausgestellt, denen es vornehmlich nicht darum zu gehen scheint, weltweit interessante Menschen zu treffen, sondern in erster Linie schlichtweg kostenlose Übernachtungen abzugreifen. Der Aspekt des Horizont-Erweiterns kommt erst mit sehr viel Abstand dahinter.

 

Das beginnt schon, bevor man sich überhaupt von Angesicht zu Angesicht getroffen hätte – falls es jemals dazu kommt – denn in meinem Fall ist es eigentlich schon ein Grund, meine Zeit besser als in Gesellschaft desjenigen zu verbringen. Ich rede von Templates – also von vorgefertigten Nachrichten, die sichtlich in Massenabfertigung an jede Person bei Couchsurfing mit einer bestimmten Postleitzahl versendet wurden.

Vorgefertige Nachrichten in Massenaussendungen

 

Offenbar gibt es also Menschen da draußen, die der Meinung sind, es wäre völlig legitim, von jemandem Zeit oder eine kostenlose Übernachtung zu erfragen, sich im Gegenzug aber nicht einmal zwei Minuten Zeit zu nehmen, um sich das Profil desjenigen anzusehen.

 

In Amsterdam stehe ich als Guide zur Verfügung

Ich persönlich hoste nicht – biete also keine Übernachtungen an – stelle mich aber in meiner Stadt für eine Führung oder ein Treffen zur Verfügung. Demnach steht in meinem Profil sehr deutlich erkennbar „Sarah hostet nicht“. Trotzdem fühlt sich eine große Anzahl von Menschen genötigt, mir eine Nachricht zu schicken, ob sie in meiner Wohnung übernachten können.  Wäre das nur einmal oder zweimal vorgekommen, würde ich mich ja gar nicht aufregen, aber mittlerweile sind meine Geduld und Toleranz einfach erschöpft.

 

Sicher habe ich auch interessante Menschen getroffen, habe spannende Gespräche geführt und habe neue Einsichten bekommen, während ich Besuchern die Stadt gezeigt habe, aber leider ist es auch immer genau dabei geblieben.

 

Beliebige soziale Kontakte, nur, um bloß nicht allein sein zu müssen

 

Nach einem gemeinsamen Tag oder Abend, an dem man sich gut verstanden und unterhalten hat, sind die Personen in ihre Heimatländer zurückgekehrt oder sind weitergereist und dann war der Aspekt des Weltweit-Freunde-Findens plötzlich ganz schnell hinfällig. Weil entweder die Freunde daheim jetzt wieder verfügbar waren oder weil der nächste Couchsurfer an der nächsten Station des Trips den Job übernommen hat.

 

In einem Jahr würde ich sagen habe ich knapp 25 Männer und Frauen Amsterdam gezeigt. Möchte mal jemand raten, mit wie vielen ich davon noch Kontakt habe? Mit einem! Und das wahrscheinlich auch nur, weil derjenige sich über Couchsurfing gemeldet hat, als schon klar war, dass er nach Amsterdam ziehen würde und mittlerweile hier wohnt.

 

Opportunismus bei Couchsurfing

 

Ich verstehe einfach nicht, wie manche Menschen soziale Interaktion so willkürlich und

In Japan war ich selber Surfer auf einer fremden Couch

opportunistisch betreiben können, denn auf mich wirkt dies wirklich nur wie das Abzielen auf den eigenen Vorteil – in diesem Fall nicht allein durch eine fremde Stadt irren zu müssen, nicht allein essen zu müssen oder die Chance, die weniger touristischen Seiten von Amsterdam erleben. Faulheit ist sicher auch ein entscheidender Faktor dabei, denn nicht selten bekomme ich Nachrichten mit der Frage, was man denn in Amsterdam gesehen haben muss, wobei die Intention offensichtlich nur war, selbst keine Zeit und Energie beim Googlen zu verschwenden. Hat der Local dann seine Schuldigkeit getan und den Zweck erfüllt, besteht nachher keine Notwendigkeit mehr, sich mit ihm oder ihr zu beschäftigen.

 

Ich war sicher nicht auf der Suche nach besten Freunden fürs Leben, aber ich hatte mir zumindest eingebildet, dass – wenn man doch offenbar auf einer Wellenlänge war oder sich gut verstanden hat – dass man dies auch schätzt und gegenseitiges Interesse zeigt, in Kontakt zu bleiben.

 

Die Sicherheit für Frauen bei Couchsurfing

 

Ein weiterer Punkt, der mich persönlich noch nicht betroffen hat, weil ich niemanden in meine Wohnung lasse und selbst auch erst zweimal bei einem Couchsurfing-Gastgeber übernachtet habe (einmal bei einer Frau in Japan und einmal bei einem Mann in Israel) ist die Tatsache, dass viele Personen Couchsurfing offenbar mit Tinder verwechseln.

 

Das reicht bei Frauen – wie mir berichtet wurde – von Nachrichten aus dem Nebenzimmer, ob sie nicht kuscheln kommen möchte, bis hin zu männlichen Gastgebern, die sich auf den weiblichen Gast werfen. Solche Szenarien sind übrigens nicht nur Mann-Frau-Szenarien vorenthalten, sondern gleiches gilt auch für Männer und Männer.

 

Sicher spricht auch nichts dagegen, sich via Couchsurfing zu amüsieren, allerdings gilt hier, so glaube ich zumindest, in vielen Fällen schon der Grundsatz: Einfach mal fragen, irgendeine(r) wird schon Ja sagen.

 

Bedenklich finde ich dabei, dass die Couchsurfing-Betreiber im Fall von Übergriffen einzig das Profil desjenigen sperren. Zur Anzeige gebracht oder weiterverfolgt wird jedoch nichts und es gibt auch nichts, das verhindert, dass sich dieser jemand einfach ein neues Profil erstellt. Vermutlich ist das auch der Grund für den Männerüberschuss auf Couchsurfing.

 

Fazit: Kein Couchsurfing mehr für mich

 

Möglicherweise habe ich zu viel erwartet oder bin einfach den falschen Couchsurfern begegnet und vielleicht wäre der oder die nächste ein Gleichgesinnter gewesen, aber ganz ehrlich, ich habe keine Lust mehr. Nach einer – wie ich finde – fairen Testphase von einem Jahr ist leider mittlerweile für mich sehr eindeutig: Couchsurfing ist einfach nichts für mich.

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Sarah Tekath

Nach dem Studium war ich 2 Jahre in Prag, hab danach mein Volontariat in Hamburg gemacht, war anschließend in Spanien und bin jetzt seit 4 Jahren in Amsterdam. Seit knapp 1,5 Jahren bin ich selbständig und genieße die Freiheit von überall dort arbeiten zu können, wo sich eine WLAN-Verbindung befindet. Schreiben und Reisen sind meine Leidenschaft, umso besser, dass ich beides zu meinem Beruf machen konnte.

Ein Kommentar zu “Ein Jahr lang getestet: Warum Couchsurfing gar nicht so toll ist”

  1. […] kann von jedem empfangen werden. Außerdem finden viele, dass die Plattform inzwischen schon zu groß und zu standardisiert geworden ist und von einigen Mitglieder*innen für unseriöse und unangemessene Zwecke (schon fast als zweites […]

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