Belfast: Zwischen Mauern, Zäunen und Wandgemälden

Netflix hat aktuell mit Derry Girls wieder ein Thema ausgegraben, das vielen wohl nur noch ganz schemenhaft aus dem Englischunterricht in der Schule im Gedächtnis geblieben ist. Denn schließlich sind der Nordirland-Konflikt und die Probleme in Belfast ja auch schon lange vorbei, oder nicht?

 

Nicht ganz, denn noch immer sind sich große Teile der Bevölkerung uneinig, ob sie zur Republik Irland oder zum Vereinigten Königreich gehören sollten. Aktuellen Aufwind hat der Konflikt kürzlich durch die Abstimmungen für einen möglichen Brexit bekommen.

 

Aber auch wenn man das derzeitige politische Chaos außen vor lässt, gibt es in Nordirland zwei Orte, in denen sich der Konflikt nach wie vor deutlich zeigt und zwar (London)Derry und Belfast.

 

Derry: Ort der Eskalation

 

Der 30. Januar 1972 sollte später als der Bloody Sunday in die Geschichte eingehen. An diesem Tag, vor fast 50 Jahren, wurden bei einer Demonstration 13 Menschen von britischen Soldaten erschossen. Die gleiche Anzahl an Personen wurde angeschossen und schwer verletzt. Sämtliche Opfer waren unbewaffnet, viele von ihnen noch keine 18 Jahre alt.

 

Als der Zwischenfall im Land bekannt wurde, eskalierte der Nordirlandkonflikt, eine wütende Menge überrannte die britische Botschaft in Dublin, brannte das Gebäude bis auf die Grundmauern nieder und die irisch-republikanische paramilitärische Organisation IRA verübte als Racheakt mehrere Anschläge. Mit der Folge, dass das Jahr 1972 zum blutigsten Jahr des gesamten Konflikts wurde.

 

Derry

Wandgemälde erinnern an die Ereignisse vom Bloody Sunday

Heute wirkt das Stadtzentrum von Derry eher etwas verschlafen, eingekuschelt in die starken Arme einer historischen Stadtmauer. Wer die Denkmäler des Bloody Sunday sehen möchte, muss erst eine steile Straße hinuntersteigen. Dann aber leuchtet schon von Weitem der Free Derry Corner in strahlendem Gelb mit den Worten „YOU ARE NOW ENTERING FREE DERRY“. Im Schwarz-Weiß-Kontrast dazu das Wandgemälde „The Petrol Bomber“ mit einem Jungen mit Gasmaske und Molotow-Cocktail in der Hand, bereit zum Wurf.

 

Sicher zu empfehlen ist, vor Ort an einer geführten Tour teilzunehmen, deren Reiseführer oft Personen sind, die vom Bloody Sunday unmittelbar betroffen waren und die großzügig und gleichzeitig eindringlich klar machen, wie sehr ein solcher Konflikt ein Leben (oder das Leben vieler) für immer verändern kann.

 

Belfast: Sich einmauern für den Frieden

 

Sorgen die Denkmäler in Derry eher für eine Atmosphäre der Erinnerung an die jüngste Geschichte, gehört der Konflikt in Belfast noch nicht der Vergangenheit an. Noch lebt und atmet er und zeigt sich – selbst wenn keine Bomben mehr explodieren – in kleinen Provokationen im Alltag und massiven Sicherheitsvorkehrungen. Letztere tragen den etwas widersprüchlichen Namen „Peace Walls“.

 

Aktuell gibt es in Belfast rund 40 dieser, teilweise Kilometer langen und bis zu acht Metern hohen, teilweise mit politischen Statements und Street Arts versehenen Mauern.

Belfast Peace Wall

Tor der Peace Walls

Im Jahr 2010 betrug die Gesamtlänge dieser Friedenslinien 21 Kilometer. Im Mai 2013 gab die nordirische Regierung an, diese Mauern innerhalb der nächsten zehn Jahre beseitigen zu wollen. Gerade im pro-britischen Teil der Stadt finden die Mauern, deren Toren in der Nacht immer noch ausnahmslos geschlossen werden, jedoch reichlich Zuspruch, da erneute Übergriffe und damit ein Wiederaufflammen des Konflikts befürchtet werden.

 

„We want peace but we are also ready to fight“ – Ein geteiltes Belfast

 

Belfast Friedenslinie

Beton und Zäune für den Frieden

Conflicting Stories ist ein Rundgang der Belfast Free Walking Tours, bei der zwei Reiseführer der sich gegenüberstehenden Lager von ihren Erlebnissen erzählen, Einblicke in ihre politischen Ansichten geben und Wandgemälde sowie die Stimmung vor Ort für sich selber sprechen lassen. Beide Seiten berichten von Anschlägen, Verlusten und Inhaftierungen mit Hungerstreiks – aber auch von Resignation und Kriegsmüdigkeit. Denn die alten Kämpfer von damals wollen nicht mehr.

 

Auch wenn es vielleicht nur einen kleinen Funken braucht, um ein in die Jahre gekommenes Pulverfass wieder hochgehen zu lassen – denn die Botschaft auf beiden Seiten ist unmissverständlich: „Wenn die andere Seite wieder Krieg möchte, dann soll sie ihn bekommen“.

 

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Sarah Tekath

Nach dem Studium war ich 2 Jahre in Prag, hab danach mein Volontariat in Hamburg gemacht, war anschließend in Spanien und bin jetzt seit 4 Jahren in Amsterdam. Seit knapp 1,5 Jahren bin ich selbständig und genieße die Freiheit von überall dort arbeiten zu können, wo sich eine WLAN-Verbindung befindet. Schreiben und Reisen sind meine Leidenschaft, umso besser, dass ich beides zu meinem Beruf machen konnte.

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